Tageslichtnutzung

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Die hochgezogene südseitige Traufe lässt Tageslicht passieren ohne die Aspekte des sommerlichen Sonnenschutzes  zu vernachlässigen.

Das Bild zeigt denkbar ungünstige Voraussetzungen zur Nutzung von Tageslicht: Die Balkone und die weit nach unten gezogene Traufe verdunkeln die Räume ganzjährig. Versetzte Balkone und ein temporärer Sonnenschutz wäre eine intelligente Lösung.


Die gute Sanierung bringt mehr Tageslicht...

...tut dem Kopf gut und spart Strom


Konflikte rund ums Tageslicht
Tageslicht als Erfüllungsgehilfe der Architektur
Falsch verstandener Blendschutz
Fenstersturz verdunkelt das Zimmer
Massnahmen im Multipack
Balkone schneiden Licht weg
Zukunft für eine verbesserte Tageslichtnutzung
Wer es genau wissen will: Erfolgskontrolle
Tageslichtzentren in Lausanne und Zürich
Info-Plus

Weit verbreitet sind bauliche und haustechnische Mängel bei der Tageslichtnutzung in Wohn- und Arbeitsräumen. Die Folge sind ungenügende - oder sogar krankmachende - Tageslichtverhältnisse, die sich zudem in einer hohen Stromrechnung bemerkbar machen. Vielfach lässt sich die Situation mit einfachen Mitteln oder aber im Zuge einer Sanierung beheben. Eine Anleitung von Othmar Humm.

Kein Zweifel, die Nutzung von Tageslicht in Wohn- und Arbeitsräumen spart auch Strom - nur ist das sozusagen eine positive Nebenwirkung. Denn das wichtigste Motiv für natürlich belichtete Räume ist und bleibt die Gesundheit und der Komfort für die Benutzer. Die Helligkeit der Sonne synchronisiert unsere "innere Uhr", Lichtduschen helfen saisonal depressiven Patienten, in Spitälern - und anderswo - verkürzt das Sonnenlicht die Rekonvaleszenzzeit der Kranken und Verunfallten, an düsteren Arbeitsplätzen zeigt die Quote der Fehlleistungen markant nach oben und in öffentlichen Räumen, beispielweise in Bahnhöfen, vertreibt das Sonnenlicht sogar Vandalen. "Tageslichtnutzung ist deshalb", so der Architekt Reto Miloni, "nicht nur aus energetischer, sondern vor allem aus psychophysischer und volkswirtschaftlicher Sicht angezeigt".

 

Konflikte rund ums Tageslicht

Tageslichtnutzung ist konfliktbeladen. Dies gilt insbesondere für die Funktionen Sonnen- und Wärmeschutz, auf eine ganz andere Art auch für Belange der Architektur. Zwar hat sich der Konflikt aufgrund wesentlich verbesserter Verglasungstechnik in den letzten Jahren entschärft: Fenster mit akzeptablem Wärmeschutz (k-Wert) schneiden bezüglich Lichttransparenz (Tau-Wert) und Solarenergiegewinn (g-Wert) gut bis sehr gut ab. Damit fallen zwei traditionelle Ausreden der Architekten und Bauherren für schlechte Tageslichtverhältnisse weg. Was die Architektur betrifft, gilt der Merksatz, wonach eine verbesserte Tageslichtnutzung zwar die Architektur verändert, aber kaum deren Qualität. Es kommt nach wie vor auf die Architekten an. Und auf die Bauherrschaften, müsste man anfügen.

 

Tageslicht als Erfüllungsgehilfe der Architektur

Mit (künstlichen) Effektbeleuchtungen lässt sich Architektur auch darstellen, findet Miklos Kiss, nur: "von Tageslicht durchflutete Räume und vom Licht-Schatten-Spiel strukturierte Wände wirken ungleich stärker". Kiss war Leiter des Projekts Tageslichtnutzung, ein Teilprogramm von Energie 2000, das vor kurzem seinen Abschluss fand. Sein 5jähriges Engagement für besseres Sehen und Arbeiten führte Kiss in manch düstere Ecke, in der "neben Tageslicht auch die Inspiration fehlte, mit einfachen Mitteln die Situation zu verbessern". Diese Erfahrungen animierten Kiss und sein Team, die komplizierte Materie in einfache Regeln - in Form von Handlungsanweisungen - zu fassen.

 

Falsch verstandener Blendschutz

Weniger das (direkte) Tageslicht, als dessen Reflexion auf den Bildschirmen der Arbeitsplatzrechner sind häufiger Anlass zu Klagen von Benutzern. Die unliebsame Folge: gesenkte Sonnenstoren verdunkeln das Zimmer, so dass das Kunstlicht eingeschaltet werden muss - in vielen Fällen ist dies eine Symptombekämpfung, weiss der Tageslichtexperte Miklos Kiss. Durch geschickte Plazierung der Monitore - Blickrichtung und Lichteinfall bilden einen 90°-Winkel - und durch eine auf die tatsächlichen Verhältnisse abgestimmte, und nicht vorgängig programmierte Beschattung kommt im Raum keine Dämmerung auf. Das tut dem Kopf gut und spart Strom.

 

Fenstersturz verdunkelt das Zimmer

"An drei von fünf Tagen ist der Himmel im schweizerischen Mittelland bedeckt" gibt Martin Lenzlinger, der Leiter der Zürcher Energieberatung, zu bedenken, "das ist das Wetter, aus dem das Tageslicht kommt." Bei diesen Verhältnissen ist die Lichtstärke im Zenit dreimal höher als in Horizontnähe. Grösse und Lage von Fenstern, allfälliger Sonnenschutzdächer und Dachüberständen ist von entscheidender Bedeutung. Beispiel: Wird der Fenstersturz um 20 Zentimeter herabgesetzt - etwa durch den nachträglichen Einbau eines Rolladenkastens - reduziert sich der Lichteinfall um 20 Prozent! Ein 50 Zentimeter tiefes Sonnendach vor dem Fenster kappt sogar 30 Prozent des Tageslichts. Wer diese Gesetzmässigkeiten konsequent umsetzt, wird das Fenster soweit wie möglich nach oben verlängern. Bauten, in denen die Fensteroberkante oberhalb der Geschossdecke liegt, sind diesbzüglich optimal; daraus ergibt sich eine Schürze im Obergeschoss, die jedoch kaum stört (Abbildung).

 

Massnahmen im Multipack

Tageslichtnutzung ist meist eine Folge intelligenter Kombinationen: Ein erhöhter Raum, nach oben vergrösserte Fenster, weisse Wände und ein weisser Sims verbessern die Lichtverhältnisse in 4 Meter Raumtiefe um den Faktor 4. Bescheidener sind die Wirkungen durch singuläre Massnahmen: Übliche Fenster weisen Rahmenanteile bis 30 Prozent aus, die sich um die Hälfte reduzieren lassen. Schlanke Fensterprofile haben auch energetische Vorteile: Da der Rahmen der grösste Verlustfaktor im Fenster ist, bedeutet die Vergrösserung der Glasfläche auf Kosten des Rahmens eine Energieeinsparung. Weissglas verbessert die Lichttransmission um weitere 6 Prozent.

 

Balkone schneiden Licht weg

Vor- und Klebedächer, Balkone und Veranden wirken der Tageslichtnutzung entgegen. Nach Aussagen des Tageslichtexperten Martin Lenzlinger ist der Balkon das häufigste Handicap bei Wohnbauten. Insofern ist eine Wohnwertsteigerung durch vergrösserte Balkone, wie sie häufig bei Gesamtsanierungen von Wohnbauten angestrebt wird, zu relativieren. Denn Balkone grenzen in der Regel an die am meisten benutzten Räume an. Die Beeinträchtigung des Tageslichteinfalles durch Balkone trifft die Wohnung an der "empfindlichsten" Stelle. Vorteile grosser Balkone sind aber auch aufgrund der geringen Nutzungszeiten kritisch zu hinterfragen. Typische Nutzungszeiten vorgehängter Aussenräume betragen um 200 Stunden pro Jahr, helle Wohnräume sind indessen rund zehnmal länger belegt.

Hier bietet sich eine Kompromissformel an: Falls der Wohnraum mit "angehängtem" Balkon über zwei Aussenwandöffnungen - beispielsweise ein Fenster und eine Balkontüre - verfügt, sollte mindestens eine Öffnung - der Wohnung darunter - unverschattet bleiben. Vielfach lässt die bestehende Raumdisposition wenig Spielraum, sodass die Tageslichtnutzung direkt von der Tiefe und der Breite des Balkons bestimmt ist.

 

Zukunft für eine verbesserte Tageslichtnutzung

Neue Technologien eröffnen Architekten und Hausbesitzern zusätzliche Möglichkeiten, beispielsweise durch die transparente Wärmedämmung (TWD) von Fassaden. Solche Aussenwände lassen die Solarstrahlung - das heisst Licht und Wärme - passieren, schützen aber den Raum weitgehend vor Heizwärmeverlusten. Damit weist die TWD ähnliche Funktionen auf wie das Fenster, wenn auch akzentuierter. Das transparente Material lässt sich in Wände und in Dächer integrieren, mit beinahe unbegrenzten Anwendungsmöglichkeiten. Lichthöfe und Atrien, Lichtkamine und grossflächige Oblichter wandeln traditionell wenig genutzte Gebäudeabschnitte in hochwertige Wohn- und Arbeitsräume um.

 

Wer es genau wissen will: Erfolgskontrolle

Die Tageslichtqualität eines Raumes stimmt, wenn am 22. Juni zwischen 8 und 17 Uhr in 4 Meter Tiefe ohne Kunstlicht gearbeitet - beispielsweise gelesen - werden kann. Am 21. März sollte zwischen 10 und 15 Uhr das Licht ausgeschaltet sein.

Tageslicht: 5 Regeln
  • Grundrissorganisation: Arbeitsplätze und häufige Aufenthaltsorte in Wohnungen nach dem Tageslichteinfall orientieren.
  • Raum: helle Farben auf den Innenwänden.
  • Fenstersturz: Die Oberkante der Fenster muss möglichst hoch liegen (Rolladenkasten).
  • Fensterbank: weiss streichen.
  • Fenster: schmale Profile, Gläser mit hoher Lichttransparenz (Tau-Wert) bevorzugen.

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Tageslichtzentren in Lausanne und Zürich

Auskünfte und Erstberatungen sind bei den beiden Tageslichtzentren zu haben;
die Zentren verstehen sich als eigentliches Forum für Fragen des Tageslichts.

Lausanne: LESO, EPFL, 1015 Lausanne, Tel. 021 693 45 45, Fax 021 693 27 22.
Zürich: Zürcher Energieberatung, Beatenplatz 1, 8001 Zürich, Tel. 01 212 24 24, Fax 01 212 19 30.

 

Info-Plus

Tageslichtnutzung in Gebäuden: Denkanstösse (Band 1) und Beispiele, Messungen, Tendenzen (Band 2). Bundesamt für Energiewirtschaft, Bern 1995. Bezug unter Angabe der Bestellnummer bei der EDMZ in 3000 Bern, Fax 031 992 00 23. Bestellnummer: 805.169.1 und 805.169.2.


© Othmar Humm, Oerlikon Journalisten AG, Zürich
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